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Emotionale Agiliät

Raus aus dem Lockdown der Gefühle. Wie Sie Ihre Emotionen besser verstehen und nutzen lernen.

Lesezeit: 5min Ι von Tanja Ι 24. Nov 2020 Ι Emotional Intelligence

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n einer auf rationales und logisches Denken sowie Effizienz und Effektivität getrimmten Gesellschaften galten Gefühle lange als hinderlich. Man(n) war „hart wie Kruppstahl“ oder „zäh wie Leder“. Das hohe Ansehen des Verstandes und die Geringschätzung der Gefühle hat eine lange Tradition. Philosophen von Seneca bis Kant haben die Vernunft als die Eigenschaft des Menschen angesehen, die ihn über die Leidenschaften erhebt. Bis in die 1980er Jahre sahen selbst viele Psychologen Emotionen als störende Fremdgeräusche an. Es ist also nicht verwunderlich, dass wir uns im Umgang mit Emotionen schwertun. Die Ironie: Wenn wir unsere Emotionen unterdrücken, werden sie nur noch stärker, bis sie sich in impulsiven Explosionen oder nachweislich¹ in psychosomatischen Erkrankungen (wie Depression, Bluthochdruck, Herzinfarkt) entladen.

Mit Blick auf die vielfältigen positiven Wirkungen lohnt es sich, emotionale Beweglichkeit zu erlernen. Der von Marc Brackett, Direktor des Yale Center for Emotional Intelligence, entwickelte evidenzbasierter Ansatz für soziales, emotionales Lernen bietet dafür ein hilfreiches Tool: Das Akronym RULER bezieht sich auf die fünf wichtigsten Emotionsfähigkeiten Erkennen, Verstehen, Benennen, Ausdrücken und Regulieren von Emotionen.

Recognize: Der erste Schritt zu emotionaler Agilität ist Selbstwahrnehmung. Wir können das Auftreten einer Emotion erkennen, indem wir eine Veränderung unserer eigenen Gedanken, Energie oder subtile körperliche Signale bewusst wahrnehmen. Haben Sie heute schon mal tief durchgeatmet und sich gefragt, wie Sie sich fühlen? Im (Arbeits-)Alltag hilft es, so genannte Marker festzulegen, die als kurze Reflexionseinheiten dienen. Das kann eine Erinnerung im Kalender sein, aber auch Apps, wie MoodMeter oder Wie geht’s dir?. Wer sich in sich verbunden fühlt, ist auch in der Lage Emotionen anderer zu erkennen. Emotionen unserer Mitmenschen können wir über die Veränderungen des Gesichtsausdrucks, der Körpersprache oder der Stimme erfassen.

Understand: Warum? Welche Ereignisse rufen bestimmte Gefühle hervor? Was haben Sie getan, mit wem waren Sie zusammen kurz bevor ein Gefühl ausgelöst wurde? Und, welche Bedürfnisse stehen hinter der Emotion? Das sind die zentralen Fragen, wenn wir die Ursachen und Quellen von Emotionen verstehen wollen. Emotionen enthalten Daten, die Sie nutzen können. So sensibilisiert uns Ärger bspw. für eine Grenzverletzung oder die Behinderung eines Ziels und fordert uns so auf, Grenzen zu respektieren, eigene Bedürfnisse einzufordern oder neue Handlungsstrategien für unser Ziele zu suchen.

Label: Gefühle so präzise und anschaulich wie möglich zu beschreiben hilft uns, unser Erleben zu organisieren. Wenn wir ein Gefühl differenziert benennen können, dann entsteht ein mentales Modell, das wir mit anderen Gefühlen vergleichen können. Darüber hinaus ermöglicht es uns, für unsere Bedürfnisse einzustehen, indem wir spezifische Formulierungen finden und kommunizieren. Und diese Form der Kommunikation und des Teilens von Erfahrungen verbindet uns mit anderen. Dank der bewussten Klassifikation von Gefühlen entsteht eine Pause. Das ist insbesondere in Situationen nützlich, in denen die Intensität eines Gefühls Sie in einem unangemessenen Rahmen zu übermannen droht. Ihnen fehlen die Worte? Eine Hilfestellung, um sich einen entsprechenden emotionalen Wortschatz anzueignen, bietet das Rad der Emotionen von Robert Plutchik.

Express: Die Fähigkeit, Emotionen angemessen auszudrücken, bedeutet, zu wissen, wie und wann wir unsere Emotionen zeigen. In der Praxis bewährt es sich, ritualisiert Zeit für innere Arbeit einzuteilen. In Organisationen braucht es dafür neben einer dialogorientierten und empathischen Haltung auch Strukturen, wie etwa ein tribe space – ein mentaler Raum, der Platz für Beziehungspflege, Verbundenheit und Nähe schafft. Inhaltliche und organisatorische Arbeit wird ausgeklammert. Es geht um achtsames Zuhören und bewusste Zeit für Austausch gemäß dem Motto: Was ist, darf sein.  Eine weitere Ausdrucksmöglichkeit ist das Führen eines emotionalen Journals, handschriftlich oder mit Hilfe der oben genannten Apps. Aus psychologischer Sicht entsteht während des Schreibens eine Distanz zwischen dem / der Denkenden und den Gedanken, zwischen dem / der Fühlenden und den Gefühlen. Sie trainieren so eine Perspektive von oben, eine Meta-Sicht einzunehmen und gewinnen neue Einsichten.

Regulate: Emotionen zu regulieren bedeutet nicht, unangenehme Gefühle zu ignorieren, sondern zu lernen, sie zu akzeptieren und damit umzugehen, wenn sie auftauchen. Eine mögliche Strategie der Emotionsregulation ist das kognitive Reframing, im Sinne einer positiven Neubewertung einer Situation. Versuchen Sie mit einer mitfühlenden und neugierigen Haltung die Perspektive der Person einzunehmen, die Sie triggert und die besten Absichten anzunehmen. Aus der Neurowissenschaft weiß man, dass der präfrontale Cortex, eine spezielle Gehirnregion hinter der Stirn, u.a. für die Selbststeuerung zuständig ist. Diese können wir gezielt trainieren, zum Beispiel durch Achtsamkeitspraktiken, wie Meditation, autogenes Training und Atemübungen.

Ich träume von einer Arbeitswelt in der angenehme wie unangenehme Gefühle wohlwollende Berücksichtigung finden, in der emotionale Verbundenheit Handlungs-Energie freisetzt, eine Arbeitswelt in der Menschlichkeit und Gewinn kein „entweder – oder“, sondern ein „sowohl als auch“ sind. Machen Sie sich mit auf den Weg in eine emotional bewusstere Gesellschaft?

You may say I’m a dreamer.
But I’m not the only one.
I hope some day you’ll join us.
And the world will be as one.

«Imagine – John Lennon»

Sie möchten mehr darüber erfahren, wie Sie in Ihrer Organisation Emotionen so kanalisieren, dass sie konstruktiv und beschleunigend wirken? Nehmen Sie mit mir Kontakt auf!

Quellen & Studien:

1. Marcus Mund, Kristin Mitte: The Costs of Repression: A Meta-Analysis on the Relation Between Repressive Coping and Somatic Diseases. Health Psychology 2012, Vol. 31 (5); https://idw-online.de/en/news508214

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