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Geschichten aus Guatemala

Von Maisernte, Lebenshunger und Dankbarkeit

Lesezeit: 5min Ι von Tanja Ι 21. Sep 2020 Ι Mindset

„T

anja, du solltest deine Geschichten erzählen.“ Das ist der Aufruf einer Freundin an mich. Geschichten über mir unbekannte Länder und Kulturen, Begegnungen mit Menschen, Veränderungslust und die Freude am Entdecken.

Sofort kommt mir Guatemala in den Sinn. Ich stöber‘ durch Bilder und Tagebuchnotizen. Plötzlich schnürt es mir den Hals zu und ich bin überwältigt von den Emotionen, die in mir aufsteigen – Glück & Trauer, Lebensfreude & bittere Armut, kühle Nächte & Geborgenheit, Wehmut & Dankbarkeit – eine Achterbahn der Emotionen, ganz ähnlich wie ich sie damals vor Ort in Guatemala erlebt habe. Unzählige Episoden kommen mir in Erinnerung, jede von Ihnen eine Geschichte wert:

♦ Wie ich unbeholfen im temazcal (Dampfbad) sitze, im Rauch nach Luft ringe und mich die Familienälteste mit Bananenblättern abklatscht, während sich vor dem temazcal die ganze Nachbarschaft versammelt hat, um mit zu erleben wie diese Ausländerin ein „Bad nimmt“.

♦ Von der kleinen Catarina und ihrer Plüsch-Maus Oscar. Ein Kuscheltier, wie es in deutschen Kinderzimmern zu Dutzenden vorhanden ist. Wie die Frauen ihre Kinder in einem Tuch auf dem Rücken tragen, so trägt Caterina auch Oscar ständig bei sich. Sie streichelt und pflegt ihre Plüsch-Maus. Und sie streitet nicht mit den anderen Kindern um Oscar und teilt ihn bedingungslos mit den anderen.

♦ Von einem Bretterverschlag, der Zeichen der bitteren Armut, Schmutz und der Härte des Lebens ist. Aber auch ein Ort der Liebe, des Zusammenhaltes und der (Gast-)Freundschaft.

Wenn ich an die Erlebnisse in Guatemala zurückdenke, dann ist DANKBARKEIT in all dem Gefühlschaos die vorherrschende Emotion.

Ich blicke in dein Gesicht, kleine Angelica: so jung und schön, voller Versprechen und Schatten, voller Unschuld noch, und schon voller Wissen über das, was kommt und was nie sein wird. Ich dachte, du bist jünger als 16. Immerhin bist du relativ klein und dünn, aber dein Gesicht ist so voller Lebenshunger, Intelligenz und Potenzial.

Es ist 2008, im Rahmen meines Studiums bin ich für einen Forschungsaufenthalt nach Guatemala gekommen und lebe gemeinsam mit Indigenen der Maya-Kultur. Wir sind auf dem Feld, helfen den Kindern bei der Ernte als Angelica mir gegenübersteht und mich fragt: „Bist du glücklich?“ Es ist das erste Mal, dass ich bewusst über diese Frage nachdenke. Ich bejahe die Frage, worauf Angelica antwortet: „Achso, du siehst nämlich gar nicht so glücklich aus.“ Naja, denke ich mir, es ist staubig, die Sonne platzt und wir pflücken bereits seit mehreren Stunden Bohnen und Mais. „Ich bin etwas müde von der anstrengenden Feldarbeit.“ entgegne ich ihr. „Bist du glücklich, Angelica?“ Sie strahlt mich an, schüttelt heftig den Kopf und sagt energisch: „Ich bin glücklich, solange ich arbeiten und meine Mutter unterstützen kann.“

Einerseits ist Angelica noch Kind, wenn wir Ball spielen oder durch den Staub rennen, andererseits aber schon Erwachsene, wenn sie die Last der Ernte auf dem Rücken trägt, fegt, Mais entkernt und den Haushalt macht. Sie liebt die Schule, aber angesichts ihrer ärmlichen Hefte und deren Inhalt werde ich traurig. So ist es in ihrer Wirklichkeit fraglich ob sie dieses Schuljahr die Klasse beenden wird, da sie wieder den ganzen Sommer in Guatemala Stadt in der Fabrik arbeiten wird, um ihre Mutter nicht nur im Haushalt, sondern auch finanziell zu unterstützen. Ach Angelica, du würdest gern Lehrerin werden. Ich sehe dies und noch viel mehr in dir. Aber wird es jemals möglich sein?*

Guatemala war der erste Ort, an dem ich für mich tiefe Armut und die Härte des Lebens mit unglaublicher Schönheit und Glück so nah beieinander zu liegen schienen. Es sind die Frauen, die dicht gedrängt um den rußigen Ofen stehen und Lieder singend Tortillas im Akkord formen. Die Mütter, die ihren Kindern nach schrecklichen Jahren des Bürgerkrieges Geborgenheit und Liebe schenken, während sie fest an einander gedrückt auf dem nackten Lehmboden schlafen. Jahre später, in meiner Coachingausbildung, habe ich viel über die Macht der positiven Gedanken und die Wirkung von regelmäßig praktizierter Dankbarkeit gelernt. Doch damals war es dieses 16-jährige Mädchen, das in bitterer Armut lebt und nicht in den Genuss von Bildung kommt, diejenige, die mir die Augen öffnet und erstmals meinen Blick darauf lenkt, für was ich Dankbarkeit und tiefe Freude empfinde.

Dankbarkeit hat eine heilende Wirkung auf uns.

Wie oft empfinden wir in unser „westlichen Welt“ eigentlich Dankbarkeit – den Freund*innen, der Familie, den Kolleg*innen, dem Leben gegenüber für all das Gute, das uns widerfährt? Wir sind schnell traurig oder verärgert, wenn etwas nicht klappt. Aber dankbar, wenn etwas gut läuft? Dabei hat Dankbarkeit eine heilende Wirkung auf uns. Studien** zeigen, dass Dankbarkeit das persönliche Glückslevel bis zu 25 Prozent heben und Antidepressiva bei leichten bis mittelschweren Depressionen ersetzen kann. Dankbarkeit ist das einzige Gefühl, das uns sagt: Es ist gut so, wie es ist. Ein Gefühl, das nicht nach mehr strebt – mehr Geld, mehr Anerkennung, mehr Abwechslung –, sondern uns mit dem Hier und Jetzt verbindet und versöhnt. Dankbarkeit ist die Wertschätzung für das Leben selbst – für jene, die wir lieben; allem, was uns widerfährt oder uns umgibt.

Die Studien zeigen auch, dass Dankbarkeit eine Sache der Übung ist. Das bedeutet auch, dass jeder Dankbarkeit praktizieren kann. Wie man das macht? Ein Dankbarkeitstagebuch, das Selbstverständliche wieder bewusst wahrnehmen oder Dankbarkeitsrituale sind wunderbare Beispiele dafür. Oder auch simple Dankbarkeit-Checks zu Beginn oder zum Ende eines Meetings, in denen man untereinander teilt, für was man dankbar ist und warum. Denn je konkreter wir in der Beschreibung von Dankbarkeit werden, desto stärker ist der Effekt: Es erhöht die Empfindung der Wertschätzung und gibt uns Zugang zu weiteren positiven Gefühlen. Dankbarkeit regelmäßig im Team zu teilen sorgt nicht nur für ein gutes Gefühl, sondern erhöht auch Vertrauen und Verbundenheit untereinander. Dieses Wissen nutze ich heute und arbeite mit Dankbarkeitsübungen und anderen Werkzeugen, wie dem appreciative inquiry, dessen zentrales Element eine wertschätzende Erkundung ist und das eine affirmative Grundhaltung in Teams und Organisationen fördert.

Das Schöne am Prinzip der Dankbarkeit ist, dass Sie letztendlich entscheiden worauf Sie Ihren Blick richten: Auf die Dornen oder auf die Rose.

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, diesen Beitrag zu lesen!

Sie möchten mehr über Dankbarkeitsübungen oder meine Arbeit in der Teamentwicklung erfahren?

Schauen Sie bei meinen Angeboten vorbei oder nehmen Sie direkt Kontakt mit mir auf.

Wenn Sie Kindern, wie Angelica, Zugang zu Bildung ermöglichen möchten kann ich Ihnen das Stipendienwerk Proyecto Ija´tz ans Herz legen. Ich durfte während meiner Zeit in Guatemala Stipendiaten persönlich kennen lernen und erhielt einen Einblick in die Arbeit und das Engagement der Vereinsmitarbeiter*innen. Weitere Informationen zum Stipendienwerk sowie Details für Spenden finden Sie unter http://pijatz.de/

** Quellen & Studien:

Neural correlates of gratitude – Glenn R. Fox, Jonas Kaplan, Hanna Damasio & Antonio Damasio (2015); Frontiers in Psychology; https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4588123/

The Role of Gratitude in Spiritual Well-Being in Asymptomatic Heart Failure Patients – Alex Wood & Deepak Chopra (2015); Spirituality in Clinical Practice; https://www.apa.org/pubs/journals/releases/scp-0000050.pdf

Counting Blessings Versus Burdens: An Experimental Investigation of Gratitude and Subjective Well-Being in Daily Life – Robert A. Emmons & Davis Michael E. McCullough (2003); Journal of Personality and Social Psychology; https://www.breakthroughealing.org/wp-content/uploads/2020/05/GratitudeStudy2003.pdf

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